19.09.03

Conrad schreibt zum Thema Leben in Vancouver:

Rückblick

Da ich heute seit einem Monat hier bin, ist es vielleicht mal Zeit für einen kleinen Rückblick.

Die ersten Tage, nachdem ich hier angekommen war, war natürlich alles sehr aufregend und neu - aber durch den Schleier aus Heimweh und Jetlag hindurch konnte ich das alles nicht so wirklich genießen.

Die Uni: riesig, und sehr menschenleer (in der ersten Woche noch - sobald die Undergrads aufgetaucht sind, hat sich das gegeben...). Riesen-Campus, sehr schön. Wireless LAN überall. Bäume, Gras, Schöne (und auch weniger hübsche) Gebäude zwischendrin. Einige davon gehören Studenten-Organisationen. Infrastruktur: jede Menge Angestellte, die sich um die Gärten kümmern, die Gebäude in Schuss halten. 40000 Studenten.

Die Stadt: noch viel riesiger. Breite Straßen, viel viel Grün. Meer, Berge, Strand, Wald, Downtown, Parks. Fast alle Straßen rechtwinklig - die Avenues (Ost-West) überwiegend durchnummeriert, die Streets (Nort-Süd) benannt. Orte in der Stadt werden der Einfachheit halber nicht mit Straße und Hausnummer benannt (weil mit 2863 W 16th Av niemand was anfangen kann), sondern nach Kreuzungen: 16th @ MacDonald - und jeder hat ne Vorstellung, wo das ist. Die Busse fahren im Großen und Ganzen einfach eine Straße entlang - so dass man einfach zur nächsten Bushaltestelle geht und in den nächsten Bus in die richtige Richtung einsteigt.

Nach wenigen Tagen findet man sich hier in einer riesigen fremden Stadt eigentlich ganz gut zurecht.

Die Preise: unterschiedlich. Heute habe ich 5 Bananen und 3 Nektarinen für umgerechnet ca. 1,30 EUR gekauft. Käse bekommt man hier gar keinen vernünftigen (jedenfalls nicht bezahlbar), und kaufbare Süßigkeiten habe ich auch noch nicht wirklich gefunden ;) Insgesamt würde ich sagen, dass die Lebenshaltungskosten hier ähnlich sind wie bei uns. Die Mieten sind teuer.

Mieten? Ja, mein Zimmer. Nette Nachbarschaft, die Strasse (16th Avenue) manchmal ein bisschen Laut. Nebenan wird gebaut (wenn ich das mal gewusst hätte - das hätte vermutlich keinen Unterschied gemacht). 1,40m-Bett, 20"-Fernseher, Funknetz-Breitband-Internet. Die Vermieterin samt Tochter ziemlich nett. Bushaltestelle an der Ecke, Supermarkt und Obst-und-Gemüse-Laden 5 Minuten zu Fuß entfernt. Für Notfälle ein 24-Stunden-Mini-Supermarkt direkt an der Ecke. Putzfrau (?!).

Dann haben wir die Touri-Nummer durchgezogen. Wirklich hübsch hier in der Gegend! Wir waren ein paar Mal am Strand (solange das noch ging). Grouse Mountain ist immernoch geplant, hoffentlich kommen wir noch dazu.

Ab und zu mal sind wir auch was trinken gegangen: im Koerner's Pub in der Uni, oder in verschiedenen Läden Downtown. So richtig zufrieden sind wir noch nicht, weil wir einfach nicht so viele verschiedene Möglichkeiten entdeckt haben, aber da können uns die "Eingeborenen" sicher demnächst mal weiterhelfen. Von denen gibts hier übrigens nur sehr wenige: selbst die meisten Kanadier, die ich bis jetzt gesprochen habe, wohnen eigentlich mindestens 5 Flugstunden entfernt ;)

Das Studium läuft ja jetzt auch schon zwei Wochen oder so - also kann man da auch schon einen ersten Rückblick wagen. Die Professoren sind durchschnittlich _sehr viel_ jünger als bei uns. Meine HCI-Dozentin ist geschätzt Mitte 30. Ich sehe zwei Hauptunterschiede zu unserem System: (a) hat man viel weniger Kurse (zu Hause hab ich 6 Vorlesungen gehört, hier halt 3) - und (b) liest man viel direkter die Texte. Zu Hause bekommt man eine Zusammenfassung eines Themas vorgetragen, ohne zu erfahren, woher diese Erkenntnisse kommen. Hier liest man punktuell papers, und kriegt dabei vielleicht nicht ganz so gut den Überblick. Hier ist man viel näher an der Forschung dran: man schreibt auch dauernd kleine papers über andere papers (paper reviews etc.). Ich programmiere dafür viel weniger als zu Hause. Mathe wird hier auch sehr viel kleiner geschrieben als bei uns.

Programmieren? Ja, heute habe ich mein erstes programmier-assignment gemacht: 4,5 Stunden Java-Programmierung. War echt erfrischend :) - aber nicht wirklich fordernd. Da wohl nur in einem meiner drei Kurse (operating systems / distributed systems) was zu programmieren abfällt, werde ich vielleicht doch noch anfangen, bei Sebastians Programmierwettbewerben mitzumachen ;)

Die Leute hier sind überwiegend ziemlich nett - ich bin mir nicht sicher ob jemand dabei ist, mit dem ich mich direkt anfreunden könnte - aber das kommt ja vielleicht noch.


Zusammengefasst: Ich vermisse Euch alle ganz fürchterlich ;) - aber mir gehts soweit gut hier. Ich bin sehr gespannt, was von hier ich vermissen werde, wenn ich wieder zu Hause bin (was jetzt schon selbstverständlich erscheint). Mal sehen, ob die verbleibenden Monate genauso schnell rumgehen wie der letzte (auch wenn es mir vorkommt, als ob ich schon sehr lange hier wäre, vergeht die Zeit ziemlich schnell... ein Widerspruch? ich glaube nicht)

Geschrieben von Conrad um 19.09.03 06:44 | TrackBack
Comments

Das gibt es ja nicht, ich bin der erste, der ein Comment schreibt!!!
Erst mal toi, toi, toi. Das hört sich ja sehr gut an, was Du da machst. Ein sehr positives Fazit, was mich sehr für Dich freut. Wohnung top (das wird bei mir nicht so sein...), Uni vernetzt (wird bei mir auch nicht so sein...) und die Stadt hat anscheinend auch ein gewisses Flair...

Und das die Zeit auf der einen Seite schnell vergeht und man auf der anderen Seite denkt ,dass man schon ewig da ist, ist ganz normal. Man erlebt nämlich so viel neues, das man anfangs mit einer hohen Intensität in sich hineinsaugt, daß einem das wirklich so erscheint, wie Du es beschrieben hast. (Was sind das für Sätze)

Naja, nun genug der Lebensweisheiten: Du redest öfters von wir. Sind damit die Damrstäödter gemeint, oder hast Du Dich schon mit locals näher unterhalten? Wie schaut´s ausserdem aus mit Trips für "Ausländer". Erasmus wirds ja wohl in Canada nicht geben, gibts da andere Möglichkeiten oder muss man sowas selber organisieren. (Jan besucht ja z.B. die ganze trostlose Gegend da oben...)

So, noch ne letzte Frage: Wie schauts aus mit dem Wetter und der Sonnenzeit. (Ja, ich weiss ich könnte dem Link folgen, aber ich will das Gefühl von Dir aus erster Hand erfahren)

Das wars nun mit meinem geistreichen Eintrag, weiter so Conrad.

P.S.: Mir fällt noch ne Frage ein: Wie schaut´s aus mit der Sprache? Sprichst Du schon besser und kannst Du die alle verstehen?

Posted by: Felix at 19.09.03 09:57

Ein Monat ist er schon weg ... vielleicht sollten wir doch darüber nachdenken dsa per irc zu spielen ;-)

und es ist schön, wenn du dich da drüber einlebst, dann kannst du mir alles zeigen, falls ich mal vorbeikomme ;-)

Posted by: Florian at 19.09.03 11:09

@Felix: Sonnenzeiten? Vancouver befindet sich auf gleicher Höhe wie Langen, da wird's wohl kaum Unterschiede bei Sonnenaufgang und -untergang geben.

Posted by: Jan at 19.09.03 15:09

Also "Wir" sind im Moment meistens die Darmstädter. Wir haben uns aber manches in der Umgebung auch mit locals (bzw. anderen Studenten, die hier überwiegend nicht local sind) angesehen...

Richtig organisierte Touren in die weitere Umgebung gibt's nicht, soweit ich weiss. Aber wir werden uns halt am Ende vermutlich noch ein paar Wochen in Greyhound-Busse setzen oder so ;)

Sprache: ich kann mich gut verständigen, ist auch definitiv schon besser geworden. Ich verstehe alle meistens sehr gut, aber smalltalk ist unheimlich schwierig (zumal da viel slang benutzt wird). Mal sehen, wie ich das noch hinkriege ;)

Posted by: Conrad at 19.09.03 18:25
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