Da ich heute seit einem Monat hier bin, ist es vielleicht mal Zeit für einen kleinen Rückblick.
Die ersten Tage, nachdem ich hier angekommen war, war natürlich alles sehr aufregend und neu - aber durch den Schleier aus Heimweh und Jetlag hindurch konnte ich das alles nicht so wirklich genießen.
Die Uni: riesig, und sehr menschenleer (in der ersten Woche noch - sobald die Undergrads aufgetaucht sind, hat sich das gegeben...). Riesen-Campus, sehr schön. Wireless LAN überall. Bäume, Gras, Schöne (und auch weniger hübsche) Gebäude zwischendrin. Einige davon gehören Studenten-Organisationen. Infrastruktur: jede Menge Angestellte, die sich um die Gärten kümmern, die Gebäude in Schuss halten. 40000 Studenten.
Die Stadt: noch viel riesiger. Breite Straßen, viel viel Grün. Meer, Berge, Strand, Wald, Downtown, Parks. Fast alle Straßen rechtwinklig - die Avenues (Ost-West) überwiegend durchnummeriert, die Streets (Nort-Süd) benannt. Orte in der Stadt werden der Einfachheit halber nicht mit Straße und Hausnummer benannt (weil mit 2863 W 16th Av niemand was anfangen kann), sondern nach Kreuzungen: 16th @ MacDonald - und jeder hat ne Vorstellung, wo das ist. Die Busse fahren im Großen und Ganzen einfach eine Straße entlang - so dass man einfach zur nächsten Bushaltestelle geht und in den nächsten Bus in die richtige Richtung einsteigt.
Nach wenigen Tagen findet man sich hier in einer riesigen fremden Stadt eigentlich ganz gut zurecht.
Die Preise: unterschiedlich. Heute habe ich 5 Bananen und 3 Nektarinen für umgerechnet ca. 1,30 EUR gekauft. Käse bekommt man hier gar keinen vernünftigen (jedenfalls nicht bezahlbar), und kaufbare Süßigkeiten habe ich auch noch nicht wirklich gefunden ;) Insgesamt würde ich sagen, dass die Lebenshaltungskosten hier ähnlich sind wie bei uns. Die Mieten sind teuer.
Mieten? Ja, mein Zimmer. Nette Nachbarschaft, die Strasse (16th Avenue) manchmal ein bisschen Laut. Nebenan wird gebaut (wenn ich das mal gewusst hätte - das hätte vermutlich keinen Unterschied gemacht). 1,40m-Bett, 20"-Fernseher, Funknetz-Breitband-Internet. Die Vermieterin samt Tochter ziemlich nett. Bushaltestelle an der Ecke, Supermarkt und Obst-und-Gemüse-Laden 5 Minuten zu Fuß entfernt. Für Notfälle ein 24-Stunden-Mini-Supermarkt direkt an der Ecke. Putzfrau (?!).
Dann haben wir die Touri-Nummer durchgezogen. Wirklich hübsch hier in der Gegend! Wir waren ein paar Mal am Strand (solange das noch ging). Grouse Mountain ist immernoch geplant, hoffentlich kommen wir noch dazu.
Ab und zu mal sind wir auch was trinken gegangen: im Koerner's Pub in der Uni, oder in verschiedenen Läden Downtown. So richtig zufrieden sind wir noch nicht, weil wir einfach nicht so viele verschiedene Möglichkeiten entdeckt haben, aber da können uns die "Eingeborenen" sicher demnächst mal weiterhelfen. Von denen gibts hier übrigens nur sehr wenige: selbst die meisten Kanadier, die ich bis jetzt gesprochen habe, wohnen eigentlich mindestens 5 Flugstunden entfernt ;)
Das Studium läuft ja jetzt auch schon zwei Wochen oder so - also kann man da auch schon einen ersten Rückblick wagen. Die Professoren sind durchschnittlich _sehr viel_ jünger als bei uns. Meine HCI-Dozentin ist geschätzt Mitte 30. Ich sehe zwei Hauptunterschiede zu unserem System: (a) hat man viel weniger Kurse (zu Hause hab ich 6 Vorlesungen gehört, hier halt 3) - und (b) liest man viel direkter die Texte. Zu Hause bekommt man eine Zusammenfassung eines Themas vorgetragen, ohne zu erfahren, woher diese Erkenntnisse kommen. Hier liest man punktuell papers, und kriegt dabei vielleicht nicht ganz so gut den Überblick. Hier ist man viel näher an der Forschung dran: man schreibt auch dauernd kleine papers über andere papers (paper reviews etc.). Ich programmiere dafür viel weniger als zu Hause. Mathe wird hier auch sehr viel kleiner geschrieben als bei uns.
Programmieren? Ja, heute habe ich mein erstes programmier-assignment gemacht: 4,5 Stunden Java-Programmierung. War echt erfrischend :) - aber nicht wirklich fordernd. Da wohl nur in einem meiner drei Kurse (operating systems / distributed systems) was zu programmieren abfällt, werde ich vielleicht doch noch anfangen, bei Sebastians Programmierwettbewerben mitzumachen ;)
Die Leute hier sind überwiegend ziemlich nett - ich bin mir nicht sicher ob jemand dabei ist, mit dem ich mich direkt anfreunden könnte - aber das kommt ja vielleicht noch.
Zusammengefasst: Ich vermisse Euch alle ganz fürchterlich ;) - aber mir gehts soweit gut hier. Ich bin sehr gespannt, was von hier ich vermissen werde, wenn ich wieder zu Hause bin (was jetzt schon selbstverständlich erscheint). Mal sehen, ob die verbleibenden Monate genauso schnell rumgehen wie der letzte (auch wenn es mir vorkommt, als ob ich schon sehr lange hier wäre, vergeht die Zeit ziemlich schnell... ein Widerspruch? ich glaube nicht)